Der Cape-Effekt
Weihnachten in einer großen Familie können anstrengend sein, aber – und ich hoffe das für die meisten – sind sie ein Quell der Freude. Ich hatte die Freude, die Feiertage bei den Verwandten meiner Lebensgefährtin zu verbringen. Knapp 20 Leute auf einen Haufen, von klein bis groß war alles dabei. Bei Kaffee und Kuchen wurden dann Geschichten und Erinnerungen zum Besten gegeben. So auch die Geschichte vom Superheldenkostüm.
Es muss das Jahr gewesen sein, als der zweite oder dritte Avengers Film in den Kinos lief. Eines der kleinen Kinder bekam in dem Jahr zum Geburtstag ein Superheldenkostüm geschenkt. Der Junge ist eher einer der schüchternen, obwohl er klug und gewitzt ist und seine Mutter oft Mühe hat ernst zu bleiben, wenn sie ihn doch mal maßregeln muss. Und beinahe alle aus der Familie hatten eine Geschichte parat, in der er sein Superhelden-Cape umlegte und von einem Moment auf den anderen wie ausgewechselt war.
Ist dir das auch schon mal aufgefallen, dass der Held im Film oft erst zum Helden wurde, als er den Umhang anlegte? Es ist ein Muster in vielen dieser Filme und Comics…: Erst kommt der Umhang, dann das Selbstvertrauen. Die Taten folgten erst danach.
Dieser „Cape Effect“ funktioniert auch im echten Leben und auch du kannst ihn dir zunutze machen. Denn es ist die Identität, in die du schlüpfst. Es ist diese unsichtbare Kraft, die dich aufrechter gehen, klarer sprechen und mutiger handeln lässt.
Aber was, wenn dein mentaler Umhang – deine größte Stärke – dir im Weg steht? Was, wenn genau das, was dich auszeichnet, zu deiner heimlichen oder verdeckten Schwäche wird?
Gerade als Unternehmer, Führungskraft oder kreativer Kopf nutzt du dein bestes Werkzeug jeden Tag: deinen scharfen, logischen Verstand. Doch es kommt oft vor, dass wir diese Waffe unbewusst gegen uns selbst richten. Wir denken uns in Sackgassen, zweifeln an unseren größten Erfolgen und fühlen uns isoliert, obwohl wir von Menschen umgeben sind. Es ist, als hätte man dir das Cape geklaut und du hast es nicht bemerkt.
3 überraschende Wege, wie dein Verstand dich ausbremst
Lass uns drei der häufigsten Formen der Selbstsabotage beleuchten, die ich bei High-Performern immer wieder beobachte. Vielleicht erkennst du dich in einer davon wieder.
1. Das Analyse-Gefängnis: Wenn Perfektionismus zur Prokrastination wird
Dein Kopf kreist ununterbrochen um mögliche Szenarien, Konsequenzen und Details. Statt eine Entscheidung zu treffen, spielst du alles immer und immer wieder durch. Der Wunsch, den absolut perfekten Weg zu finden, lähmt dich. Du bist in einem Netz aus Überlegungen gefangen, das dich davon abhält, den ersten, entscheidenden Schritt zu tun. Dein Umhang wird hier zu einer tonnenschweren Rüstung, die dich am Boden hält, statt dich fliegen zu lassen.
Dieses Muster ist deswegen so tückisch, weil es sich als gewissenhafte Planung tarnt. In Wahrheit wird es aber von deinem eigenen, unerbittlichen Erwartungsdruck angetrieben. Weil du von dir selbst nichts Geringeres als Perfektion erwartest, wird jede Entscheidung zu einer Prüfung, bei der Versagen keine Option ist. So wird dein brillanter Verstand zum Architekten deines eigenen Gefängnisses.
Wie oft hat dich das Warten auf den perfekten Plan davon abgehalten, überhaupt anzufangen?
2. Die Erfolgs-Falle: Wenn jeder Sieg neue Zweifel sät
Kennst du das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, der jeden Moment entlarvt werden könnte? Das ist die Essenz der Erfolgs-Falle. Du erreichst ein Ziel, schließt ein Projekt ab, feierst einen Erfolg…, und während andere dir auf die Schulter klopfen, meldet sich die innere Stimme des Zweifels: „Das war doch nur Glück.“ Kein Ergebnis fühlt sich vollständig oder gut genug an, weil dein Verstand sofort auf das zoomt, was du übersehen oder versäumt hast. Auch ich kenne das. Mein früheres Mantra war: „The biggest room in the world…, the room for improvement”.
Hier ist dein Umhang unsichtbar, bzw. hast du ihn selbst abgelegt. Du weigerst dich, ihn anzuerkennen, weil du glaubst, ihn nicht verdient zu haben. Dieser innere Kritiker ist nicht nur unerbittlich, nein, er ist selbstzerstörerisch. Er beraubt dich der Zufriedenheit, die du dir so hart erarbeitet hast. Statt den Moment zu genießen und stolz auf dich zu sein, sät jeder Erfolg die Saat für neue, noch größere Zweifel.
Du konditionierst dich selbst und so werden Zweifel zum Motor deines Denkens. Darüber hinaus verhindern sie, dass du die Zufriedenheit empfinden kannst, die du dir so sehr wünschst.
Dieser Mechanismus sabotiert nicht nur deine Freude, sondern auch dein Vertrauen in zukünftige Entscheidungen – sowohl beruflich als auch privat.
3. Die unsichtbare Last: Wenn du dich trotz Gesellschaft einsam fühlst
Du bist in einem Meeting, auf einer Netzwerkveranstaltung oder sogar im Kreis von Freunden, aber fühlst dich vollkommen isoliert. Die Gespräche drehen sich um Belangloses, während du dich nach Tiefe, nach echtem Austausch sehnst. Du spürst eine stille Distanz, die du kaum erklären kannst, ohne dich noch fremder zu fühlen. Hier trägst du deinen Umhang unter der Alltagskleidung, aus Angst, dass ihn jemand sieht und nicht versteht, was er bedeutet.
Dieses Gefühl der Unangepasstheit, des scheinbar nicht Dazugehörens ist zermürbend. Es entsteht, weil deine Sehnsucht nach Tiefe von den anderen oft als Desinteresse oder gar Arroganz missverstanden wird. Während andere oberflächliche Gespräche als soziale Brücke nutzen, spürst du nur die Kluft, die sie hinterlassen. Einsamkeit entsteht in solchen Momenten nicht aus der Abwesenheit von Menschen, sondern aus der Abwesenheit von Verständnis.
Aus Selbstschutz ziehst du dich vielleicht zurück. Doch dieser Rückzug führt dazu, dass du wertvolle Kontakte, inspirierende Impulse und wichtige Chancen verpasst. Das ist eine ziemlich subtile, aber dafür umso kraftvollere Form der Selbstsabotage.
Vom Zweifler zum Helden: Wie Markus seinen "Umhang" fand
Ich erinnere mich an Markus, einen brillanten Gründer, dessen Firma kurz vor dem Durchbruch stand. Von außen betrachtet war er der Inbegriff des Erfolgs. Innerlich war er gelähmt. Er war im Analyse-Gefängnis gefangen und fühlte sich trotz seines tollen Teams zutiefst isoliert. Sein schärfster Verstand war zu seinem größten Gegner geworden.
In unserer Arbeit ging es nicht darum, ihm neue Strategien zu geben. Markus hatte alle Strategien und kannte bestimmt noch 3 mehr als ich selbst. Es ging für mich darum, ihm zu helfen, eine neue Perspektive einzunehmen. Früher hätte er die Einführung eines neuen Features wochenlang analysiert. Nach unserer ersten Sitzung definierte er einen „Gut-genug-Standard“ (Juchhu! Pareto lebt! ;-), und begann Entscheidungen möglichst noch im gleichen Meeting zu treffen und gab seinem Team die Freiheit, loszulegen. Wir gaben seinem „Umhang“ die neue Identität eines „entschlossenen Ermöglichers“, nicht die eines „fehlerfreien Orakels“.
Dein nächster Schritt
Die Ironie ist: Die gefährlichste Waffe ist die Klinge, an der du dich selbst verletzt. Deine Intelligenz, dein Perfektionismus, deine Tiefe – unbedacht eingesetzt, werden sie von Werkzeugen zu Waffen gegen dich selbst.
Der Unterschied zwischen Werkzeug und Waffe liegt nicht in der Klinge selbst, sondern in der Hand, die sie führt. Dein Verstand ist weder Freund noch Feind – er ist das, wozu du ihn machst. Die Frage ist nicht, ob du diese Kräfte hast, sondern ob du lernst, sie bewusst zu führen, statt von ihnen geführt zu werden. Oder mit anderen Worten: Für welches Cape und welche Interpretation seiner Kräfte du dich entscheidest.
Der erste Schritt ist keine Technik, kein Hack, keine neue Strategie. Es ist eine Entscheidung: Dir selbst nicht länger im Weg zu stehen. Es ist der Moment, in dem du aufhörst, gegen dich zu kämpfen, und anfängst, mit dir zu arbeiten. Alles andere folgt daraus.
Wenn du bereit bist, deinen wahren Umhang zu finden und anzulegen… lass uns reden.