Die versteckte Sprache der Macht

So kurz vor Weihnachten stellt sich ja oft die Frage, was man schenken soll. Und was kann man Menschen schenken, die vermeintlich schon alles haben?

In diesem Artikel möchte ich das Thema Statussymbole mal von einer anderen Seite betrachten.

Was Deine Statussymbole wirklich über dich verraten (und warum Du sie vielleicht sabotierst)

Erinnerst Du Dich noch an den alten Werbespot? „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ – der Dreiklang des Erfolgs der 90er. Heute würde das wohl eher heißen: „Mein Purpose, meine Work-Life-Balance (oder auch „Work-Life-Cut“), mein Sabbatical.“ Was ist passiert? Sind Statussymbole auf einmal tot? Nein, ganz im Gegenteil – sie sind einfach nur cleverer geworden. Und genau hier wird’s interessant, besonders für Dich als Führungskraft oder Unternehmer.

Die große Illusion: „Ich brauche keine Statussymbole"

Ich höre das in der letzten Zeit ziemlich häufig, aber hier kommt die unbequeme Wahrheit: Es gilt heute als Status, kein Statussymbol nötig zu haben. Lies das nochmal! Wir haben einfach eine neue Ebene erreicht – ein Meta-Statussymbol sozusagen.

Der Dacia-Werbespot bringt es auf den Punkt: „Das Statussymbol für alle, die kein Statussymbol brauchen.“ Aber halt – ist das nicht selbst ein Statussymbol? Genau. Und hier beginnt das faszinierende Spiel des Marketing – und der Selbstsabotage. Viele erfolgreiche Menschen erzählen sich selbst die Geschichte, dass ihnen Status egal ist. Gleichzeitig investieren sie Stunden in die Auswahl des „richtigen“ Fahrrads (natürlich ein Bergamont für 4.000 Euro), das dann „zufällig“ im Zoom-Call an der Wand lehnt.

Das Problem? Diese innere Diskrepanz zwischen „Ich will nicht protzen“ und „Ich will aber schon auch gesehen werden“ erzeugt mentale Blockaden und Widersprüche. Du weißt nicht mehr, was Du wirklich willst. Und die anderen spüren das.

Von Rolex zu Realness: Die neuen Machtcodes

Die Spielregeln haben sich radikal geändert. Und das nicht nur für die GenY und GenZ – die treiben mit ihren neuen Ansichten diejenigen der Boomer und GenX’ler vor sich her, die up-to-date sein wollen. Wir sitzen vor den Monitoren in virtuellen Konferenzen und sehen dabei alle irgendwie gleich aus: Gesichter im „Vier-mal-vier-Zentimeter“-Format. Dein tolles „Eckbüro“? Unsichtbar. Dein Dienstwagen? Irrelevant. Deine Assistenz? Wenn überhaupt, dann sitzt diese entweder im Homeoffice oder in Indien.

Aber hier wird’s spannend: Manager haben etwas erreicht und wollen sich gern noch immer von anderen absetzen. Nur werden heute dafür andere Symbole gesucht. Die Frage ist nicht OB Statussymbole, sondern WELCHE! Und die Antwort darauf verrät mehr über Deine inneren Überzeugungen, als Dir lieb ist.

Heute zählen andere Währungen:

  • Wie groß ist Dein Team?
  • Hast Du Budgetverantwortung?
  • Wie eng ist Deine Anbindung an den Vorstand?
  • Welche Business School steht in Deinem Lebenslauf?

Und hier kommt der Clou: Lebenslanges Lernen wird zu einem Statussymbol. Das Bücherregal in der Zoom-Konferenz ist längst legendär. Inzwischen ziehen Kollegen, Bewerberinnen und Kandidaten sogar schon Bände aus dem Regal, um zu zeigen, dass diese keine Attrappen sind.

Ja, richtig gelesen. Menschen nehmen sich Bücher aus dem Regal und wedeln damit vor der Kamera herum. Wenn das keine Performance ist, was dann?

Die Falle der subtilen Codes

Früher war das einfacher: große Uhr, großer Status. Heute? Deutlich zur Schau getragener Luxus wirkt heute eher protzig und wird negativ interpretiert. Stattdessen nutzen Führungskräfte einen geheimen Code, den nur noch Eingeweihte verstehen. (Was selbst auch ein Statussymbol ist! 😉

Die wirklich teuren Dinge erkennt man nicht auf den ersten Blick. Ein Füller aus japanischem Urushi-Lack. Eine antiquarische Rolex Daytona (nicht die neue!). Ein handgefertigtes Fahrrad, das aussieht wie vom Flohmarkt, aber 8.000 Euro kostet.

Und genau hier lauert die Selbstsabotage: Du verbringst Energie damit, die „richtigen“ Codes zu senden – aber an wen eigentlich? Und warum? Muss Du Dich insgeheim immer noch beweisen, weil Du tief drinnen immer noch nicht glaubst, dass Du „angekommen“ bist?

Purpose statt Porsche – oder doch lieber beides?

„Alles dreht sich heutzutage um ‚Purpose‘. Statussymbole, mit denen sich Einzelne abgrenzen wollen, haben keinen Platz mehr.“, so sagt es ein Chief Human Resources Manager eines großen Konzerns. Klingt gut, oder?

Aber mal ehrlich: Fühlst Du Dich wirklich wohl mit dieser neuen Währung? Oder vermisst Du manchmal die klaren, greifbaren Zeichen von Erfolg? Vielleicht sabotierst Du Dich sogar selbst, weil Du Dir nicht erlaubst, beides zu wollen: Sinn UND Status. Impact UND Anerkennung. Purpose UND das schöne Auto?

Die „neue Elite“ hat das längst verstanden. Sie kaufen keine Jachten mehr, sondern Expeditionsboote mit Forschungs­laboren, Unterwasser­robotern und U-Booten. Als Nonplusultra gilt die „REV Ocean“ des Norwegers Kjell Inge Rökke. Sie kostet 500 Mio. Dollar, wird 2026 in See stechen und sogar Plastikmüll einsammeln.

Siehst Du das Muster? Es geht nicht darum, KEINE Statussymbole zu haben. Es geht darum, sie mit einer Geschichte zu verpacken, die gesellschaftlich akzeptabel ist. Die Frage ist: Welche Geschichte erzählst DU Dir selbst?

Die ultimativen Statussymbole: Zeit, Schlaf und Großfamilien

Und jetzt wird’s richtig interessant. Einst prahlten Top-Manager und Börsencracks damit, wie sie die Nacht durchschuften. Heute beneidet man Menschen, die regelmäßig neun Stunden Schlaf abkriegen und ihre Work-Life-Balance kultivieren.

Neun Stunden Schlaf. Work-Life-Balance. Sabbaticals. Das sind heute die echten Luxusgüter. Gerade in den oberen Führungsebenen sind in einigen Branchen immer noch lange Wochenarbeitszeiten üblich. In diesen Bereichen sind immateriellen Statussymbole noch schwerer zu erreichen als die materiellen. Geld für Käufe ist ausreichend vorhanden. Die Zeit für den Besuch im Fitnessclub oder der Ausstellung dagegen nicht.

Und hier liegt oft das Problem: Du verdienst gut, hast Erfolg – aber keine Zeit, ihn zu genießen. Du könntest Dir alles kaufen – außer Lebenszeit. Und dann sabotierst Du vielleicht unbewusst Deine eigene Entspannung, weil ein Teil von Dir immer noch glaubt, dass Erfolg mit Hustle gleichzusetzen ist.

(Und während ich für diesen Artikel recherchiere, dreht sich die Welt schon wieder: Ausgehend von China verbreitet sich gerade das sogenannte „996 Modell“ als extreme Arbeitsform über die Welt. Vor allem in Hightech-Bereichen wie KI. 996 bedeutet von 9 Uhr morgens, bis 21.00 Uhr abends, an 6 Tagen die Woche.)

Gib hier deine Überschrift ein

Hier ist, was wirklich zählt: Statussymbole sind nicht gut oder schlecht. Sie sind eine Form der Kommunikation. Die Klingen im Machtkampf sind fein, und die Zeichen, mit denen Alphatiere sich abgrenzen, werden immer subtiler.

Das Problem entsteht, wenn Deine inneren Überzeugungen nicht mit Deinen äußeren Signalen übereinstimmen. Wenn…:

  • Du Dir nicht erlaubst zu zeigen, was Du erreicht hast
  • Du Dich für Deine Wünsche nach Anerkennung schämst
  • Du glaubst, Du müsstest Dich zwischen „authentisch“ und „erfolgreich“ entscheiden
  • Du denkst, Du hättest Deinen Status nicht wirklich verdient

Das sind die Mechanismen der Selbstsabotage. Und sie halten dich davon ab, das zu erreichen, was Du eigentlich willst.

Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme

Die Frage ist nicht, ob Du Statussymbole brauchst. Die Frage ist: Welche Geschichte erzählst Du Dir selbst über Deinen Erfolg? Und sabotierst Du Dich vielleicht genau dort, wo Du eigentlich wachsen möchtest?

Die neue Krisen-Situation führt uns an unsere ureigenen Charaktereigenschaften heran: Menschlichkeit, Vertrauen, Kooperationsbereitschaft und Augenhöhe. Wahre Stärke liegt darin, authentisch zu sein – auch mit Deinen Wünschen nach Anerkennung.

Vielleicht ist der größte Status von allen, zu wissen, was Du wirklich willst. Und Dir zu erlauben, danach zu streben – ohne Scham, ohne Selbstsabotage, ohne inneren Konflikt.

Was wäre, wenn Dein nächstes Statussymbol innere Klarheit wäre?

Ideen Impulse für diesen Blogbeitrag kamen von:

  • „Mehr Sein statt Haben“ – Human Resources Manager, Februar 2022
  • „Neue Statussymbole: Wie sich Macht in virtuellen Zeiten verändert“ – Karriere.de, Dezember 2024
  • „Zeichen der Macht: Die geheime Sprache der Statussymbole“ – Moritz Freiherr Knigge & Claudia Cornelsen
  • „Statussymbole: Für Führungskräfte heute noch relevant?“ – Managementportal, Mai 2020
  • „Neue Trends: 50 Statussymbole, die zeigen, dass Sie dazugehören“ – NZZ am Sonntag Magazin, November 2025
  • „Hernstein Management Report – Statusdenken“ – Hernstein Institut für Management und Leadership
  • „Die neuen Symbole der Macht“ – Human Resources Manager, März 2022
  • „Das Ende der Statussymbole“ – Deutsche Akademie für Management, Oktober 2021